Krisenbewältigung – Das Café ÜbersLeben im Interview

Bildnachweis: © Stephanie Piehl
Im Café „ÜbersLeben“ (ehemals Frauen*Nachtcafé) in der Mareschstraße 14 finden Menschen Schutz, die sich in einer Krisen- oder Konfliktsituation befinden. Die Anlaufstelle steht allen offen, die sich als Frauen, Lesben, Inter, Nicht-Binär oder Agender verstehen. Wir haben die beiden Mitarbeitenden Ale und Naeem getroffen, um mehr über das Café „ÜbersLeben“ zu erfahren.

Naeem: Neben der persönlichen Beratung bieten wir auch eine berlinweite Telefonberatung. Uns kontaktieren aber auch Menschen aus dem Umland und teilweise aus anderen Bundesländern.

Ale: Wir haben hier sechs Stellen und arbeiten eher kollektivähnlich. Uns ist wichtig, dass das Café ein inklusiver, antirassistischer, queerfeministischer, trans-, inter-, agender und nichtbinärer Raum ist. Wenn Menschen zu uns kommen, die sich mit dem offenen Ansatz des Cafés noch schwertun oder nicht hundertprozentig vertraut sind mit den Definitionen und Begriffen, nehmen wir uns Zeit, um ihre Fragen zu beantworten. Schlussendlich sollen sich alle in unseren Räumen wohlfühlen und niemand soll sich ausgeschlossen fühlen. Wir möchten unsere Besucher:innen auch einladen, manches infrage zu stellen und sich selbst Gedanken zu machen. Es freut uns, wenn wir sehen, wie aus Skepsis Motivation wird und die Menschen dazulernen und in den Austausch miteinander gehen.

Naeem: Die Beratung ist ein essenzieller Teil, aber ebenso wichtig ist es, dass die Leute den Raum nutzen. Dass sie hier z.B. kochen und sich hier aufhalten können. Viele Menschen kommen hierher, um sich mit anderen Betroffenen austauschen zu können. Das wirkt für viele stabilisierend. Es kommt auch vor, dass Leute überreizt ankommen und es gar nicht schaffen, direkt in ein Beratungsgespräch zu gehen, sondern erst einmal nur ankommen wollen und eine Dreiviertelstunde auf dem Sofa sitzen oder in der Küche mithelfen. Es genügt manchen Menschen, erstmal zu erleben, dass es einen Raum gibt, wo sich andere Personen mit ähnlichen Erfahrungen aufhalten.

Naeem: Wir hatten in der Vergangenheit auch viele Angebote, die sich mit Gesundheitsthemen befasst haben, wie z. B. Langzeitfolgen und andere Aspekte, die mit Trauma und Somatik zu tun haben. Diese Angebote werden wir auch zukünftig wieder anbieten. Betroffene können aber auch selbst Veranstaltungen anbieten.

Ale: Wir sind immer offen für Anfragen oder Ideen von Menschen, die hier im Café etwas thematisch Passendes organisieren möchten. Möglich sind beispielsweise auch Filmabende mit Nachbesprechung oder eine Ausstellung.
Gern stellen wir unsere Räumlichkeiten außerhalb unserer Öffnungszeiten auch anderen Gruppen aus der Nachbarschaft nach Absprache zur Verfügung, die z.B. für ein Treffen einen Raum benötigen. 

Ale: Betroffenenkontrollierter Ansatz bedeutet, dass wir auch Betroffene waren. In diesem Kontext tätig zu sein, meint aber nicht, dass persönliche Grenzen überschritten werden. Es ist mehr wie ein spezielles Werkzeug, das uns bei unserer Arbeit unterstützt.
Wir können den Menschen, die zu uns kommen, echtes Verständnis entgegenbringen. Eine Therapeutin oder ein Therapeut versteht dich ebenfalls, aber das Verständnis ist dort nur fachlicher Natur. In Krisensituationen suchen wir intuitiv nach Menschen, die mit ähnlichen Situationen oder Erfahrungen umgehen mussten. Nach dem Stichwort: „Ich hatte in Erinnerung, dass du damit auch gekämpft hast.“ Das Gefühl, etwas Ähnliches erlebt zu haben, verbindet die Menschen. Eine Krise oder Herausforderung bewältigt zu haben, kann eine fachliche Expertise sein.

Naeem: Der betroffenenkontrollierte Ansatz erkennt die persönliche Erfahrung als wertvolle Expertise an. Das ist tatsächlich eine wesentliche Komponente. Ich erhalte zudem in Beratungsgesprächen oft das Feedback, dass es weniger Mitleidsreaktionen in den Gesprächen mit uns gibt. Die Personen, die zu uns kommen, finden sich während des Teilens ihrer Geschichte nicht in der Position wieder, zusätzliche emotionale Arbeit leisten zu müssen, um die Stimmung zu heben.

Ale: Solche Fälle haben wir leider sehr oft. Wenn dieser Punkt in dem Beratungsgespräch kommt, verweisen wir an andere Orte, wo die Personen unterkommen können. Wir arbeiten ressourcenorientiert. Einerseits versuchen wir, die betroffene Person zu stabilisieren, andererseits versuchen wir, sie auf weiterführende Angebote aufmerksam zu machen. Wir können die Menschen nicht an der Hand zum Frauenhaus begleiten. Nach der Stabilisierung und Krisenintervention endet unsere Arbeit.

Ale: Ein einfacher Wunsch wäre, dass wir von Kürzungen verschont werden. Nicht nur wir, auch andere Projekte. Viele queere Projekte, viele Antidiskriminierungsprojekte, die wir kennen und mit denen wir zu tun haben, sind von Kürzungen und Stellenabbau betroffen. Und das ist nur eine Seite der Medaille. Auch die Menschen, die, diese Orte und Angebote nutzen, sind durch die Kürzungen betroffen. Wir brauchen diese Schutzräume!

Naeem: Ja! Eine bessere Planbarkeit und Stabilität wären wünschenswert und nicht immer auf absolutes Minimum zu arbeiten. Und genau wie Ale schon gesagt hat: Wir möchten keine Angst haben, dass all die Netzwerke und Projekte, die mit sehr viel Energie und Zeit aufgebaut wurden, einfach eingestampft werden. Wir können keine Menschen beraten, wenn die Projekte, an die wir diese Menschen vermitteln möchten, nicht mehr existieren. Krisen verschwinden nicht durch Kürzungen, sie verschärfen sich.

Kontakt:
Café Übersleben (ehemaliges Frauen*NachtCafé) für Frauen*, Trans* & Inter*
Mareschstraße 14, 12055 Berlin
Tel: 030 61 62 09 70 – Telefonische Erreichbarkeit: dienstags 10-13 Uhr
frauennachtcafe@wildwasser-berlin.de
www.wildwasser-berlin.de

Kooperationen, Lesungen, Workshops & Ausstellungen

Wir freuen uns über Anfragen von Menschen, die bei uns Lesungen, Workshops, Austauschräume, künstlerische Projekte oder Ausstellungen anbieten möchten. Als queerfeministische, betroffenenkontrollierte Krisenanlauf- und Beratungsstelle für FLINTA* arbeiten wir nach einem „survivors first“-Ansatz. Das bedeutet, dass Sicherheit, Selbstbestimmung und die Bedarfe unserer Nutzer*innen für uns an erster Stelle stehen.

Externe Angebote sollten mit unseren Grundwerten – queerfeministisch, machtkritisch, diskriminierungssensibel – vereinbar sein und idealerweise einen Bezug zu den Lebensrealitäten von FLINTA* haben. Besonders willkommen sind Formate, die Austausch ermöglichen, Community stärken und solidarische Praxis fördern. Wir verstehen unsere Räume als Schutz- und Empowermenträume und legen großen Wert auf respektvolle Zusammenarbeit und transparente Absprachen.

Kontakt: frauennachtcafe@wildwasser-berlin.de
Raumnutzung für Initiativen aus dem Kiez

Unsere Räume können nach Absprache tagsüber auch von anderen FLINTA-Gruppen, selbstorganisierten Projekten oder Initiativen aus dem Kiez genutzt werden. Die Nutzung ist kostenfrei, aber wir freuen uns auch über Spenden.

Wichtig ist uns auch hier eine klare Wertebasis und ein achtsamer Umgang mit dem Raum als Schutzort.

Kontakt: frauennachtcafe@wildwasser-berlin.de

Interview: Stephanie Piehl