Im Café „ÜbersLeben“ (ehemals Frauen*Nachtcafé) in der Mareschstraße 14 finden Menschen Schutz, die sich in einer Krisen- oder Konfliktsituation befinden. Die Anlaufstelle steht allen offen, die sich als Frauen, Lesben, Inter, Nicht-Binär oder Agender verstehen. Wir haben die beiden Mitarbeitenden Ale und Naeem getroffen, um mehr über das Café „ÜbersLeben“ zu erfahren.
Seit wann gibt es euch hier im Kiez und wie arbeitet ihr?
Ale: Wir sind seit ca. 2014/2015 in der Mareschstraße zu finden. Das Café gehört zum Wildwasser-Projekt Selbsthilfe und Beratung, das im Jahr 2006 ins Leben gerufen wurde und heute noch in der Friesenstr. 6 existiert. Wir arbeiten berlinweit und sind eine der wenigen abendlichen Krisenanlaufstellen. Wir sind erreichbar, wenn andere Anlauf- und Beratungsstellen geschlossen sind.
Naeem: Neben der persönlichen Beratung bieten wir auch eine berlinweite Telefonberatung. Uns kontaktieren aber auch Menschen aus dem Umland und teilweise aus anderen Bundesländern.
Ale: Wir haben hier sechs Stellen und arbeiten eher kollektivähnlich. Uns ist wichtig, dass das Café ein inklusiver, antirassistischer, queerfeministischer, trans-, inter-, agender und nichtbinärer Raum ist. Wenn Menschen zu uns kommen, die sich mit dem offenen Ansatz des Cafés noch schwertun oder nicht hundertprozentig vertraut sind mit den Definitionen und Begriffen, nehmen wir uns Zeit, um ihre Fragen zu beantworten. Schlussendlich sollen sich alle in unseren Räumen wohlfühlen und niemand soll sich ausgeschlossen fühlen. Wir möchten unsere Besucher:innen auch einladen, manches infrage zu stellen und sich selbst Gedanken zu machen. Es freut uns, wenn wir sehen, wie aus Skepsis Motivation wird und die Menschen dazulernen und in den Austausch miteinander gehen.

Wenn sich eine Person in einer akuten Krise befindet und sich an euch wendet, was erwartet sie?
Ale: Wenn die Person noch nie bei uns war, zeigen wir ihr zu Anfang unsere Räumlichkeiten. Menschen in Krisensituationen hilft es sich erst einmal zu verorten. Hier sind wir jetzt. Brauchst du etwas zu trinken? Brauchst du etwas zu essen? Wir wissen erstmal nicht, ob die Menschen, vielleicht den ganzen Tag nichts gegessen haben. Anschließend stelle ich mich und unseren Arbeitsansatz vor. Da wir anonymisiert arbeiten, muss die Person ihren Namen nicht angeben, wenn sie nicht möchte.
Im Beratungszimmer erkläre ich den Beratungsablauf. Erstmal nur zuhören und nicht selbst sprechen müssen, hilft vielen Menschen, die zu uns kommen, am Anfang sehr.
Wenn die Person auch in einer körperlichen Krise ist, versuche ich ein paar Übungen zu machen oder zumindest Übungen vorzuschlagen, um in die Stabilisierung zu kommen. Natürlich reagieren nicht alle positiv darauf, und manchmal muss ich etwas anderes vorschlagen bzw. mit der Person gemeinsam etwas finden, was sie stabilisiert. Sobald die Person stabil ist, besprechen wir, worum es geht. Was eine Krise ist, definiert jede Person selbst für sich. Zum Abschluss des Gesprächs gebe ich Feedback, wenn es erwünscht ist und frage nach Feedback. Außerdem versuche ich die Person mit Fragen auf den Übergang vorzubereiten: Wie gehst du hier raus? Was könnte dir helfen, den restlichen Abend zu überwinden? Was könnte der nächste Schritt sein? Das finde ich sehr hilfreich.
Naeem: Die Beratung ist ein essenzieller Teil, aber ebenso wichtig ist es, dass die Leute den Raum nutzen. Dass sie hier z.B. kochen und sich hier aufhalten können. Viele Menschen kommen hierher, um sich mit anderen Betroffenen austauschen zu können. Das wirkt für viele stabilisierend. Es kommt auch vor, dass Leute überreizt ankommen und es gar nicht schaffen, direkt in ein Beratungsgespräch zu gehen, sondern erst einmal nur ankommen wollen und eine Dreiviertelstunde auf dem Sofa sitzen oder in der Küche mithelfen. Es genügt manchen Menschen, erstmal zu erleben, dass es einen Raum gibt, wo sich andere Personen mit ähnlichen Erfahrungen aufhalten.
Ihr bietet in euren Räumen auch Workshops, Lesungen und Film- oder Kochabende an. Sind das regelmäßige Termine und wer leitet diese Angebote?
Ale: Es gibt regelmäßige Angebote und einmalige Veranstaltungen. Kreative oder handwerkliche Angebote organisieren und veranstalten wir meist selbst. Im Café finden aber auch immer wieder externe Angebote statt. Zum Beispiel hatten wir kürzlich eine Schriftstellerin zu Gast, die einen Schreibworkshop zum Thema „Wie können wir durch das Schreiben Emotionen auffangen, die aus Gewalterfahrungen entstehen“.
Naeem: Wir hatten in der Vergangenheit auch viele Angebote, die sich mit Gesundheitsthemen befasst haben, wie z. B. Langzeitfolgen und andere Aspekte, die mit Trauma und Somatik zu tun haben. Diese Angebote werden wir auch zukünftig wieder anbieten. Betroffene können aber auch selbst Veranstaltungen anbieten.
Ale: Wir sind immer offen für Anfragen oder Ideen von Menschen, die hier im Café etwas thematisch Passendes organisieren möchten. Möglich sind beispielsweise auch Filmabende mit Nachbesprechung oder eine Ausstellung.
Gern stellen wir unsere Räumlichkeiten außerhalb unserer Öffnungszeiten auch anderen Gruppen aus der Nachbarschaft nach Absprache zur Verfügung, die z.B. für ein Treffen einen Raum benötigen.



Ihr arbeitet nach dem Betroffenenkontrollierten Ansatz. Inwieweit hilft euch die eigene Erfahrung im Umgang mit den Menschen, die das Café aufsuchen?
Ale: Betroffenenkontrollierter Ansatz bedeutet, dass wir auch Betroffene waren. In diesem Kontext tätig zu sein, meint aber nicht, dass persönliche Grenzen überschritten werden. Es ist mehr wie ein spezielles Werkzeug, das uns bei unserer Arbeit unterstützt.
Wir können den Menschen, die zu uns kommen, echtes Verständnis entgegenbringen. Eine Therapeutin oder ein Therapeut versteht dich ebenfalls, aber das Verständnis ist dort nur fachlicher Natur. In Krisensituationen suchen wir intuitiv nach Menschen, die mit ähnlichen Situationen oder Erfahrungen umgehen mussten. Nach dem Stichwort: „Ich hatte in Erinnerung, dass du damit auch gekämpft hast.“ Das Gefühl, etwas Ähnliches erlebt zu haben, verbindet die Menschen. Eine Krise oder Herausforderung bewältigt zu haben, kann eine fachliche Expertise sein.
Naeem: Der betroffenenkontrollierte Ansatz erkennt die persönliche Erfahrung als wertvolle Expertise an. Das ist tatsächlich eine wesentliche Komponente. Ich erhalte zudem in Beratungsgesprächen oft das Feedback, dass es weniger Mitleidsreaktionen in den Gesprächen mit uns gibt. Die Personen, die zu uns kommen, finden sich während des Teilens ihrer Geschichte nicht in der Position wieder, zusätzliche emotionale Arbeit leisten zu müssen, um die Stimmung zu heben.
Wie lange können sich die Menschen in einer akuten Krise hier aufhalten? Was passiert, wenn ich gar nicht zurückkann in mein Zuhause, weil ich von Gewalt bedroht bin oder keinen anderen Ort habe, wo ich hingehen kann?
Ale: Solche Fälle haben wir leider sehr oft. Wenn dieser Punkt in dem Beratungsgespräch kommt, verweisen wir an andere Orte, wo die Personen unterkommen können. Wir arbeiten ressourcenorientiert. Einerseits versuchen wir, die betroffene Person zu stabilisieren, andererseits versuchen wir, sie auf weiterführende Angebote aufmerksam zu machen. Wir können die Menschen nicht an der Hand zum Frauenhaus begleiten. Nach der Stabilisierung und Krisenintervention endet unsere Arbeit.
Was wünscht ihr euch für die Zukunft?
Ale: Ein einfacher Wunsch wäre, dass wir von Kürzungen verschont werden. Nicht nur wir, auch andere Projekte. Viele queere Projekte, viele Antidiskriminierungsprojekte, die wir kennen und mit denen wir zu tun haben, sind von Kürzungen und Stellenabbau betroffen. Und das ist nur eine Seite der Medaille. Auch die Menschen, die, diese Orte und Angebote nutzen, sind durch die Kürzungen betroffen. Wir brauchen diese Schutzräume!
Naeem: Ja! Eine bessere Planbarkeit und Stabilität wären wünschenswert und nicht immer auf absolutes Minimum zu arbeiten. Und genau wie Ale schon gesagt hat: Wir möchten keine Angst haben, dass all die Netzwerke und Projekte, die mit sehr viel Energie und Zeit aufgebaut wurden, einfach eingestampft werden. Wir können keine Menschen beraten, wenn die Projekte, an die wir diese Menschen vermitteln möchten, nicht mehr existieren. Krisen verschwinden nicht durch Kürzungen, sie verschärfen sich.
Vielen Dank für das Gespräch!
Kontakt:
Café Übersleben (ehemaliges Frauen*NachtCafé) für Frauen*, Trans* & Inter*
Mareschstraße 14, 12055 Berlin
Tel: 030 61 62 09 70 – Telefonische Erreichbarkeit: dienstags 10-13 Uhr
frauennachtcafe@wildwasser-berlin.de
www.wildwasser-berlin.de
Kooperationen, Lesungen, Workshops & Ausstellungen
Wir freuen uns über Anfragen von Menschen, die bei uns Lesungen, Workshops, Austauschräume, künstlerische Projekte oder Ausstellungen anbieten möchten. Als queerfeministische, betroffenenkontrollierte Krisenanlauf- und Beratungsstelle für FLINTA* arbeiten wir nach einem „survivors first“-Ansatz. Das bedeutet, dass Sicherheit, Selbstbestimmung und die Bedarfe unserer Nutzer*innen für uns an erster Stelle stehen.
Externe Angebote sollten mit unseren Grundwerten – queerfeministisch, machtkritisch, diskriminierungssensibel – vereinbar sein und idealerweise einen Bezug zu den Lebensrealitäten von FLINTA* haben. Besonders willkommen sind Formate, die Austausch ermöglichen, Community stärken und solidarische Praxis fördern. Wir verstehen unsere Räume als Schutz- und Empowermenträume und legen großen Wert auf respektvolle Zusammenarbeit und transparente Absprachen.
Kontakt: frauennachtcafe@wildwasser-berlin.de
Raumnutzung für Initiativen aus dem Kiez
Unsere Räume können nach Absprache tagsüber auch von anderen FLINTA-Gruppen, selbstorganisierten Projekten oder Initiativen aus dem Kiez genutzt werden. Die Nutzung ist kostenfrei, aber wir freuen uns auch über Spenden.
Wichtig ist uns auch hier eine klare Wertebasis und ein achtsamer Umgang mit dem Raum als Schutzort.
Kontakt: frauennachtcafe@wildwasser-berlin.de
Interview: Stephanie Piehl