„Grün für alle, grün kann jeder“ – Hinter den Kulissen der WONK Neukölln (Langfassung)

Neukölln gilt oft als Sinnbild für dichte urbane Bebauung und sozialen Brennpunkt. Doch abseits von Asphalt und Alltagshektik verbergen sich im Bezirk unzählige grüne Oasen und engagierte Akteur:innen, die das urbane Leben nachhaltig umgestalten. Genau diese versteckten Potenziale holt die Aktionswoche WONK („Wundervolle Orte NeuKölln“) ins Rampenlicht. Isabel Schmidt und Miriam Rasser von der Koordinierungsstelle Umweltbildung Neukölln erklären im Interview, wie Umweltbildung Brücken schafft, warum funktionierende Nachbarschaften gerade in Krisenzeiten ein Fundament bilden und wie Bürger:innen ihre Stadt aktiv mitgestalten können.

Was genau ist eure Aufgabe und was macht eure Arbeit für den Bezirk besonders?

Isabel: Wir sind eine von 12 Koordinierungsstellen in Berlin, die von der Sen MVKU (Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt Berlin) den Auftrag haben, das Berliner Bildungsleitbild für ein grünes, nachhaltiges Berlin zu vermitteln. „Grün für alle, grün kann jeder.“ Das bedeutet, dass wir Menschen mithilfe von formellen oder informellen Bildungsmaßnahmen animieren, sich in Neukölln nachhaltig zu engagieren oder die grünen Orte im Bezirk zu entdecken und sie wertzuschätzen. Unser Träger ist das Freilandlabor Britz e. V..

Jeder Bürger und jede Bürgerin in Neukölln sollte Zugang zu Umweltbildung haben, zu Naturerfahrungen, zu Sachen zur Nachhaltigkeit. Es ist unsere Aufgabe, diese Kontakte herzustellen.

Jede Koordinierungsstelle des Netzwerks NATURSTADT.BERLIN arbeitet anders und findet einen eigenen Weg, das Bildungsleitbild weiterzuvermitteln. Wir versuchen einfach, da zu sein. Wir beraten zu Finanzierung, wir unterstützen, wir vermitteln zwischen den Ämtern und den Akteur:innen.

Miriam: Außerdem leiten wir das Schulgarten-Netzwerk Neukölln. Wir geben praxisnahe Fortbildungen rund um das Thema Schulgarten, und beraten und unterstützen Schulgärten. Wir stehen in regelmäßigem Austausch mit anderen Schulgarten-Netzwerken in Berlin und engagieren uns aktiv für den überbezirklichen Austausch. Mit dem Bezirksamt haben wir eine Handreichung zu Schulhofbegrünung entwickelt, die den Neuköllner Schulen zur Verfügung steht.

Isabel: Und wir verleihen kostenlos Geräte und Materialien für Gartenbau und Naturbeobachtungen. Wir haben Bat-Detektoren (zum Aufspüren von Fledermäusen), Wildkameras, verschiedene Lupen, Ferngläser usw., welche sich zum Beispiel Schulklassen ausleihen können.

Wie vernetzt ihr euch mit den Akteur:innen im Bezirk und wie vernetzt ihr die Akteur:innen mit Interessierten?

Isabel: Wir haben damit begonnen, zu recherchieren, welche Akteur:innen und Angebote es in Neukölln gibt. Ein wichtiger Teil unserer Aufgabe als Koordinierungsstelle ist, dieses Akteursnetzwerk im Bezirk sichtbar zu machen. Dafür gibt es die Aktionswoche WONK (Wundervolle Orte NeuKölln). Wenn den Leuten eine Veranstaltung gefällt, entscheiden sie sich im besten Fall freiwillig dafür, ein Angebot regelmäßig zu nutzen. Wir haben die Aktionswoche „Wundervolle Orte“ genannt, weil so viele Akteur:innen wundervolle Sachen machen, von denen noch mehr Menschen erfahren können. Das Programmheft ist zwar schon gedruckt, aber da uns erreichen immer noch Angebote für die WONK, weswegen es sich auch lohnt, noch mal auf unsere Website zu schauen.

Wieviel mehr Angebote habt ihr dieses Jahr bei der WONK im Vergleich zu 2025?

Isabel: Ich würde sagen, es sind etwa 30 % mehr. Dieses Jahr beteiligen sich auch noch mehr Akteur:innen. Inzwischen machen bei der WONK über 70 Vereine, Initiativen, Netzwerke und einzelne Akteur:innen mit.

Wie erreicht man Menschen, die sich bisher gar nicht mit Umwelt- und Klimathemen beschäftigt haben?

Isabel: Über Sichtbarkeit und Nachbarschaft. Familieneinrichtungen, Nachbarschaftsheime, Stadtteilzentren, Beratungsstellen – all diese Orte sind wichtige Stellen, um Familien zu erreichen, und über Familien erreicht man die Menschen.

Wir haben bei der WONK unter anderem viele Veranstaltungen von den Stadtteilmüttern dabei. Durch die Stadtteilmütter kommen Menschen zu den Veranstaltungen, die wir auf den üblichen Wegen nicht erreichen würden. Wir hoffen und setzen auf die Vielfalt unserer Akteur:innen und deren Zugang.

Was macht für euch ein gutes niedrigschwelliges Umweltangebot aus?

Miriam: Ein Angebot bei den möglichst verschiedenen Zielgruppen angesprochen werden. Umweltbildung, ist ein etwas sperriger und altmodischer Begriff, bei dem man oft an Schule und nur ein bisschen an non-formale Bildung denkt. Bei der WONK sind dieses Jahr sehr viele Zielgruppen abgedeckt. Wir haben unter anderem auch Angebote für ältere Leute, wie Spaziergänge in der Natur …

Wo liegen die Grenzen von Umweltbildung, wenn soziale Probleme im Vordergrund stehen? Ein häufiger Vorwurf ist, dass Umweltbildung und Nachhaltigkeit nur etwas für Leute sind, die es sich finanziell leisten können.

Isabel: Das sehe ich nicht so, weil ich glaube, dass viele der Angebote eine Menge Leute auffangen. Wenn alles Mist ist und wenn du nicht viel Geld hast, ist es trotzdem schön, Leute zu treffen und mit denen zusammen die Stadt zu gestalten. In den kleinen Begrünungsinitiativen, den kleinen Nachbarschaftsgärten, wo sich Leute treffen können, entsteht einfach etwas, während sie gärtnern oder zusammen kochen.

Der Verein interkular macht zum Beispiel schöne Veranstaltungen mit Obdachlosen und geflüchteten Menschen. Da wird Essen aus geretteten Lebensmitteln zubereitet und am Vollgut-Areal verteilt. Ist das nun klassische Umweltbildung? Vielleicht nicht im traditionellen Sinne. Aber diese Angebote schaffen wichtige Orte, an denen Menschen zusammenkommen und über ihre Sorgen sprechen können. Sie fühlen sich mit ihren Problemen weniger allein und es werden praktische Alternativen aufgezeigt. Das finde ich wichtig – und genau das ist für mich auch Umweltbildung.

Miriam:

Gerade das Sein in der Natur, die bewusste Wahrnehmung des eigenen Umfelds und gelebte Nachbarschaft sind Themen, die allen Menschen zugänglich sein sollten. Gesundheit und Wohlbefinden sind schließlich Grundbedürfnisse für jede und jeden – völlig unabhängig vom Geldbeutel.

Welche Rahmenbedingungen und Veränderungen in der Stadtplanung sind nötig, damit aus Berliner Straßen langfristig erfolgreiche, grüne Begegnungsorte für die Nachbarschaft werden?

Isabel: Es wäre gut, wenn es mehr so Orte gäbe, wie in dem einen Abschnitt der Hobrechtstraße vielleicht angedeutet, ein Ort, wo die Straße nicht mehr Straße ist, sondern die Straße Begegnungsraum wird. Weil da, wo Menschen sich bewegen – und gerade jetzt im dicht bebauten Nord-Neukölln ist das so –, Räume gebraucht werden, um sich zu begegnen. Wie es zum Beispiel bei den temporären Spielstraßen der Fall ist. Räume zu schaffen, wo Menschen sich niedrigschwellig begegnen und einfach zusammen sind, wo Initiativen einfach tätig werden, und Menschen gestalten können, ihre Stadt gestalten können. Sie vielleicht mitzubegrünen und die Menschen sich kümmern, Edible City und so. Das fände ich superschön. Und meistens machen sie irgendwas mit Grün …

Ich glaube auch, dass Orte, die gepflegt werden, wertgeschätzt werden und nicht durch Vandalismus kaputtgemacht werden.

Das Bezirksamt sollte Orte schaffen. Und ich glaube, dass das möglich ist, gerade in diesen Poller-Kiezen einen Raum freizuräumen. Auf dieser Brücke nach Kreuzberg zum Beispiel – da sitzen die Menschen jetzt, da ist Platz. Da wäre auch Platz, was zu machen. Und Geld! Akteur:innen unterstützen, Programme für partizipative Stadtgestaltung, die einen Umweltansatz hat, aufsetzen, dass das Straßen- und Grünflächenamt mehr finanzielle Mittel zur Verfügung hat

Wie hat sich die Landschaft der Umweltbildungsprojekte in den letzten Jahren entwickelt?

Miriam: Gerade durch die WONK merken wir, wie viele Initiativen oder auch Orte Umweltbildung auf ihre Agenda setzen, oder schon lange machen. Es gibt nicht ein, zwei, drei große Player. Viele Akteur:innen haben sich für die WONK zusammengetan oder hängen bereits zusammen in Netzwerken.

Gerade in der Gropiusstadt gibt es ein sehr lebendiges Netzwerk, wo verschiedene Akteur*innen beteiligt sind, unter anderem auch die Kirche, was cool ist. Teilweise erstreckt sich deren Netzwerk bis östlich von Rudow! Es ist schön zu sehen, dass viele zusammenarbeiten oder sich öffnen.

Isabel: Matthias Krebs von der Lebendigen Gropiusstadt ist ein superaktiver Netzwerker. Er baut gerade einen Permakulturgarten auf und ich finde, das, was er macht, großartig.

Es gibt für uns keine besten Projekte. Diese Aktionswoche ist eines der besten Mittel, um sichtbar zu machen, was und wen es alles gibt in dem Bereich.

Wie kam es zur WONK?

Miriam: Bei unseren regelmäßigen Netzwerktreffen mit den Akteur:innen haben wir gemerkt, dass man nicht zwingend noch mehr Angebote schaffen muss, sondern dass es viel wichtiger ist, die existierenden Angebote der Initiativen, Vereine, und Einzelpersonen in Neukölln sichtbarer zu machen und die Menschen auf diese Angebote aufmerksam zu machen.

Isabel: So kam uns die Idee für die WONK, nach dem Vorbild von 48Stunden-Neukölln. Wir sind etwas ahnungslos an die Sache herangegangen und haben den Akteur:innen einfach gesagt: Meldet das an, was ihr sowieso macht. Diese Blauäugigkeit hat sich ausgezahlt.

Miriam: Unsere Hoffnung ist, dass die WONK nachhallt. Dass die Leute Orte oder Menschen kennenlernen, die sie vorher nicht kannten, und sich daraus der Wunsch entwickelt, öfter dahinzugehen.

Gab es eine Begegnung oder einen Moment, der euch besonders in Erinnerung geblieben ist – weil er gezeigt hat, was Umweltbildung tatsächlich bewirken kann?

Isabel: Ich kann mich an zwei Veranstaltungen bei der WONK 2025 erinnern. Das eine war im Berliner Büchertisch in der Richardstraße dort gab es eine Art Bilderbuch-Kino und um die Ecke im Silent Rixdorf gab es ein Vorlesen für Kinder. Diese Stimmung und wie die Kinder mitgehen, so etwas berührt mich immer sehr, weil die Kinder einfach in dem Moment sind. Die andere Veranstaltung war von interkular, wo verschiedenste Leute zusammen einfach essen. Auch das hat mich sehr berührt.

Miriam: Ja, für mich sind dies auch oft die schönsten Begegnungen. Ich komme eher aus der Natur-Ökologie-Ecke und das begeistert mich persönlich schon mehr als Upcycling. Nein, das ist auch super. (Lacht) Ich finde die Momente schön, wenn Kinder, sich für etwas begeistern können oder von ihren Eltern in das Thema mitgenommen werden. Mir fällt keine bestimmte Situation ein. Aber Begeisterung und Faszination für ihre Umgebung zu wecken – nicht nur bei Kindern, sondern generell bei Menschen. Also nicht hochschwellig, von wegen „Oh ja, ich kenne jetzt alle Arten“ – sondern dieser erste Funke, der gesät wird. Das finde ich immer schön und das sollte auch das Ziel von niedrigschwelliger, non-formaler Bildung sein.

Isabel: Dass man so kleine Samen setzt bei den Leuten.

Was sind denn eure persönlichen Highlights der WONK 2026?

Isabel: Die Netzwerkveranstaltung „Climate Justice Knowledge Hub“, die von New Women Connectors im Berlin Global Village organisiert wird. Es geht darum, Aktivist:innen, Organisationen und politische Akteur:innen zusammenzubringen, um über intersektionale Klimagerechtigkeit zu diskutieren und gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Das finde ich spannend. Ich würde auch gern wieder beim Kochen und der Fairteilung von interkular dabei sein. Gern wäre ich auch bei einigen Angeboten im Waldgarten und auch hier am Tempelhofer Feld dabei. Im Silent Rixdorf gibt’s auch schöne Veranstaltungen wie zum Beispiel das Hühnerfest, wenn die neuen Hühner kommen – das ist auch einfach mein Lieblingsort. (Lacht)

Das Sommerfest am Dammweg am 18.09., wo abends die Castellers de Berlin auftreten, die nach katalanischer Tradition Menschentürme bauen. Im Klimahaus ist es auch immer schön. Dort werden Tomaten in einer Aquaponik-Anlage gezüchtet. Roman, von Romans Tomaten, ist totaler Tomaten-Fan und gibt regelmäßig Workshops. Das Bauhaus-Archiv hat auch ein tolles Angebot zusammen mit dem Familientreff Groopies. Mal ein richtiges Kunstprojekt. Das finde ich gut, da es etwas anderes ist. Es gibt so schöne Veranstaltungen, aber wir werden leider keine Zeit haben, überall dabei zu sein.

Miriam: Ich finde gerade den Süden sehr spannend. Zum Beispiel gibt es eine Fahrradtour vom NABU in Rudow, bei welchen mehrere Pfuhlen (Anm. d. Red.: eiszeitliche Tümpel, auch Solle oder Sölle genannt) angefahren werden. Dabei geht es eher um eine klassische Naturerfahrung und Kenntnisse der Arten. Das finde ich spannend. Die Angebote hier auf dem Tempelhofer Feld finde ich auch interessant. Es ist auch schön, dass wir dieses Jahr so viele Flohmärkte und Kleidertausch-Sachen dabeihaben, da damit auch noch mal eine andere Zielgruppe angesprochen wird. Der Flohmarkt im ArtenGarten zum Beispiel. Der liegt eher Richtung Britz und ist ein Ort, der noch im Entstehen ist und richtig schön. Ich glaube, da hätte ich auf jeden Fall auch Lust, vorbeizugucken. Für Senior:innen haben wir auch großartige Angebote. Es gibt einen Wohlfühl-Spaziergang von agens, die eigentlich eine Arbeitsmarktvermittlung sind und viele Angebote auch für ältere Leute haben. Das finde ich wichtig, weil diese Zielgruppe öfter mal vergessen wird.

Danke für das Interview! Wir sehen uns dann bei der WONK!

Interview: Stephanie Piehl für das QM Rixdorf